Tägliches Evangelium

29. April 2026 : Fest der Hl. Katherina von Siena, Schutzpatronin Europas
Hl. Katharina von Siena
Erster Johannesbrief 1,5-10.2,1-2.

Brüder!
Das ist die Botschaft, die wir von Jesus Christus gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm.
Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben und doch in der Finsternis wandeln, lügen wir und tun nicht die Wahrheit.
Wenn wir im Licht wandeln, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander und das Blut seines Sohnes Jesus reinigt uns von aller Sünde.
Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre und die Wahrheit ist nicht in uns.
Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht.
Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner und sein Wort ist nicht in uns.
Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten.
Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt.

Psalmen 103(102),1-2.3-4.8-9.13-14.17-18a.

Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen!
Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!
Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt,
der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt.

Der HERR ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld.
Er wird nicht immer rechten und nicht ewig trägt er nach.
Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten.
Denn er weiß, was wir für Gebilde sind, er bedenkt, dass wir Staub sind.

Doch die Huld des HERRN währt immer und ewig für alle, die ihn fürchten. Seine Gerechtigkeit erfahren noch Kinder und Enkel,
alle, die seinen Bund bewahren.

Aus dem Heiligen Evangelium nach Matthäus - Mt 11,25-30.

In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast.
Ja, Vater, so hat es dir gefallen.
Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.
Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.
Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele.
Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

Die Einheit mit Gott und das Heil der Seelen

Erfüllt von sehnlichstem Verlangen nach der Ehre Gottes und dem Heil der Seelen, hat eine Seele seit einiger Zeit den Vorsatz gefasst, sich in der Tugend zu üben. Dabei hat sie sich angewöhnt, in der Zelle der Selbsterkenntnis zu wohnen, um in sich die Güte Gottes besser zu erkennen – denn auf das Erkennen folgt die Liebe –, und von Liebe erfüllt, sucht sie nun der Wahrheit zu folgen und sich mit ihr zu bekleiden. Auf keine andere Weise aber kann sie die Wahrheit besser kosten und von ihr erleuchtet werden, als durch demütiges und beständiges Gebet, das auf der Selbsterkenntnis und auf der Gotteserkenntnis beruht. Ein derartiges Gebet vereint die Seele mit Gott, da es bewirkt, dass sie den Spuren des gekreuzigten Christus folgt.

So sorgt das Gebet dafür, dass die Seele durch Verlangen, Hingabe und Liebeseinigung ein anderes Ich wird. Das hat Christus wohl gemeint, als er sagte: „Wer mich liebt und an meinem Wort festhält, dem werde ich mich offenbaren, und er wird eins sein mit mir und ich mit ihm“ (vgl. Joh 14,21). Ähnliche Worte finden wir noch an weiteren Stellen; aus ihnen wird deutlich, dass die Seele wirklich durch die Kraft der Liebe eins* mit Christus wird.

Um dies noch anschaulicher zu machen: Ich erinnere mich, einmal von einer Dienerin Gottes gehört zu haben, dass Gott dem Auge des Verstandes, wenn sie mit starker geistiger Erhebung im Gebet zu ihm entrückt war, die Liebe zu seinen Dienern nicht verborgen hat. Er wies vielmehr darauf hin und sagte unter anderem: „Öffne das Auge deines Verstandes und schaue in mich hinein; hier wirst du die Würde und Schönheit meiner vernunftbegabten Geschöpfe erkennen. Und im Blick auf diese Schönheit, die ich der Seele gebe, indem ich sie nach meinem Bild und Gleichnis geschaffen habe, betrachte vor allem jene, die mit dem Hochzeitsgewand der Liebe bekleidet und mit vielen echten Tugenden geschmückt sind: Sie sind durch die Liebe mit mir vereint.“

*Katharina verwendet an der Stelle im Originaltext ("dass die Seele wirklich durch die Kraft der Liebeshingabe gleichsam ein anderer Christus wird") den Begriff "anderer Christus" (ital. un altro Cristo) vor allem, um die radikale Identifikation des Gläubigen mit Christus zu beschreiben. Für sie ist dies demgemäß kein theoretisches Konzept, sondern eine existenzielle Realität: Der Gläubige soll durch die Gnade so eng mit Christus verbunden sein, dass er/sie in Gedanken, Worten und Taten Christus selbst fortsetzt – nicht als aliud oder Konkurrenz, sondern als lebendige Fortsetzung seiner Sendung. Diese Idee ist eng verknüpft mit der mystischen Theologie und der Vorstellung, dass der Mensch durch die Liebe und das Leiden mit Christus "eins wird" (vgl. Gal 2,20; siehe aber unten.) Katharina betont, dass dies nur durch Demut, Gehorsam und Liebe möglich ist – also durch eine vollständige Hingabe (daher sagt sie an der Stelle "Liebeshingabe", nicht nur "bloß": Liebe) an den Willen Gottes, wie Christus sie vorlebte.
Während andere (zB Bonhoeffer) den Begriff ("anderer [lat: alter] Christus") eher ethisch-sozial (Stellvertretung, Verantwortung für den Nächsten) deuten, versteht Katharina ihn mystisch-spirituell: Es geht um eine innere Verwandlung, die den Gläubigen zu einem "lebendigen Christus" macht. Für sie ist dies kein allgemeiner Auftrag an die Kirche, sondern eine persönliche Berufung jedes Einzelnen, der sich ganz Gott hingibt. Ihre Lehre steht damit in der Tradition franziskanischer Spiritualität und der hochmittelalterlichen Mystik (z.B. Meister Eckhart, Bernhard von Clairvaux). Sie betont die Einheit von Mensch und Gott in Christus, ohne die Einzigartigkeit Christi zu relativieren. Der "andere Christus" ist also kein zweiter Christus, sondern ein Mensch, der Christus in sich wirken lässt.
Katharina meint mit "anderer Christus" also keine Konkurrenz oder Trennung, sondern die vollkommene Vereinigung mit Christus – eine Idee, die die von Paulus angesprochene "Einheit in Christus" (Gal 3,28) fortentwickelt, indem sie die mystische Dimension betont. Es ist aus ihrer Sicht eine Einladung, Christus nicht nur nachzufolgen, sondern ihn im eigenen Leben lebendig werden zu lassen.